Laut Legende besitzt die Laguna de Quilotoa, welche auf 3800m Höhe in einem Vulkankrater gelegen ist, keinen Boden.
Ihr beeindruckender Anblick war es, der uns nach fast 6 Stunden Busfahrt (durch zugegebenermaßen abwechslungsreiche Berglandschaften) wieder mit der Welt versöhnte.
Bei einem ersten, kurzen Besichtigungsausflug zur Laguna begegneten wir einem freundlich aussehenden Pärchen, welches den Angaben des Reiseführers widersprach und eine Krater-Umrundung mit 3 bis 3,5 Stunden angab. Auch schwierigkeitsgradmäßig sollte es absolut machbar sein.
Um ein wenig vorweg zu greifen: Sollte ich diesen beiden Menschen nochmals begegnen, würden sie nicht gerade die pazifistische Seite meines Charakters kennenlernen.
Wir mieteten uns für die Nacht in einem urig anmutenden Hostel ein und entspannten uns bei unzähligen Tees mit Kamille/Honig-Geschmack. Gewärmt vom zimmereigenen Standkamin standen wir trotzdem in aller Frühe auf um uns den Sonnenaufgang in der panomaresken (ich glaube dieses Wort habe ich mir ausgedacht, aber man soll ja Kreativität nicht unterdrücken) Hochlandschaft nicht entgehen zu lassen.
Nach einem stärkenden Frühstück gingen wir gutgelaunt mit der Sonne im Rücken die vermeintlich kleine Wanderung an.
Die ersten zwei bis drei Ansteigungen waren absolut machbar, auch wenn ich aufgrund der dünnen Luft klang wie eine Dampflok. Der Weg war leider nicht immer ganz eindeutig, weshalb es kam wie es kommen musste: Wir liefen bergab und dass wir genügend Luft hatten um Lieder des Queen Musicals und von Fanny van Dannen zu singen, hätte eigentlich Hinweis genug sein sollen, dass wir uns verlaufen hatten!
Viel zu spät blickten wir dieser Tatsache ins Auge, weshalb wir uns gute 30 Minuten durch Sträucher und Gestrüpp wieder nach oben an den Kraterrand kämpfen mussten. Etwa in der Mitte dieses kräftezehrenden Aufstiegs verließ mich meine Wanderlust des Tages.
Wir hatten nicht mal die Hälfte erreicht.
Stundenlang ging es in der inzwischen gewohnten Manier weiter: Jedem furchtbaren Anstieg folgte ein gefährlicher Abstieg und ein viel zu kurzes, planes Wegstück.
Da es für mich wie so oft eher zu einer Frage des Willens statt der Kondition wurde, fing ich an zu versuchen mich selbst zu motivieren.
Dabei bediente ich mich allen Klassikern:
- Du musst nur wollen, dann kannst du alles schaffen!
- Indianerherz kennt kein Schmerz!
- Der Schmerz entsteht nur im Gehirn!
- Wenn du das geschafft hast, wirst du dich toll fühlen!
- Andere haben das auch schon gemacht!
Keiner dieser Denkansätze konnte den permanenten und vorallem viel stärkeren Gedanken vertreiben: WIESO mache ich das? In Deutschland käme ich nicht einmal auf die Idee den Weitenunger Baggersee zu umrunden; wieso genau habe ich geglaubt ich könnte diesen Krater mit all seinen Anstiegen ablaufen? Und überhaupt habe ich KEINE Lust mehr hier hoch zu laufen! All dies trug nicht gerade zu meiner Laufgeschwindigkeit bei. Mein einziger Trost war, dass meine Mitleidenden/Mitlaufenden auch nicht weniger zu kämpfen hatten.
Beim heftigsten Aufstieg, der den Beginn des letzten Drittels markierte, suchte ich sogar nach dem sportlichen Erbe meine Mutter in meinen Genen. Irgendwo musste dieser fast schon kranke Ehrgeiz in Bezug auf sportliche Herausforderungen doch stecken! Leider Fehlanzeige.
Während ich mich (sehr langsam) dem Gimpfel näherte, fragte ich mich warum Menschen Berge besteigen. Viele berichten von einem unglaublichen Gefühl, wenn man den Gipfel erreicht hat. Dieses Gefühl sei angeblich all die Strapazen, die man auf sich genommen hat, wert und werde gegrönt von der bestechenden Aussicht, die man hat.
Meine Meinung dazu, die mir etwa 30m unter dem Gipfel bewusst wurde: Alles Schwachsinn!
Vanilleeis mit heißen Himbeeren gibt mir auch ein gutes Gefühl! Wenn dann noch ein Schluck Kirschwasser (für’s Geschmäckle) dazugegeben wird, steigert sich das Ganze sogar zu einem hervorragenden Erlebnis! Und schöne Aussichten bekommt man auf jedem Aussichtsturm! So einen gibt es sogar in Eisental! (Mag sein, dass ich in diesem Moment zu Übertreibungen neigte.)
Wieso musste ich also gerade mit diesem verfluchten Berg kämpfen, wenn irgendwo ein Vanilleeis mit heißen Himbeeren auf mich warten könnte?!
Und auf einmal war er da. Der eine Gedanke, der mich motivieren konnte. Der eine Gedanke, der mich weiterhin einen Fuß vor den anderen hat setzen lassen:
Wenn ich jetzt stehen bleibe, kann ich nie mehr Vanilleeis mit heißen Himbeeren essen!
Uns so schleppte ich mich weiter. Trotz Dreck im Gesicht; trotz bereits glühenden Sonnenbrands auf der Kopfhaut; trotz schmerzenden Beinen, trotz fehlenden Willens und trotz quälenden Dursts.
Und obwohl ich fast nicht mehr geglaubt hatte es aus einiger Kraft schaffen zu können, kam ich an!
Die These, dass man durch große Glücksgefühle vorangehende Schmerzen vergisst, ist für mich weiterhin nicht tragbar! Klar war ich stolz, dass ich es geschafft hatte.
Vergesse ich deswegen, wie schlecht es mir ging? NEIN!
Möchte ich gerne ein Vanilleeis mit heißen Himbeeren? JA!
Eine weitere Motivation auch die letzten schlimmen Berge noch zu bewältigen, war die Aussicht am nächsten Tag mit meinem Studiums-Ecuador-Freund Santy in seinem hauseigenen Jacuzzi sitzen zu können und in der Gegenwart eines wohlbekannten Menschen mal wieder entspannen zu können. Und dank meines erfolgreichen Zieleinlaufs kam es auch dazu!
Zur Perfektion des „Day-after“ gingen wir in der herrlichen Hitze Guayaquil’s ein Eis essen. Ich hatte Bitterschokolade und Kiwi mit Vollmilchschokolade überzogen. Fast so gut wie Vanilleeis mit heißen Himbeeren!
Hier in der größten Stadt Ecuadors genieße ich nun die Tage mit Santy und seiner herzensguten Familie, während Pati den Cotopaxi ( einen schneebedeckten Vulkan über 4000m) besteigt. Bei jedem Schluck des gestrigen Maracuja-Caipirinhas dankte ich mir selbst dafür diese Wanderung gemacht und überstanden zu haben und nun die verdiente Belohnung zu bekommen.
Ich hoffe, ihr müsste gerade nicht allzu sehr frieren, während ich hier die Schweissflecken meines Doors-Tshirts intensiviere!
Un abrazo muy fuerte,
Anne
P.S. Erstens: Ja ich weiß, ich hab nen furchtbaren Sonnenbrand 
Zweitens: Manche, bestimmte Leute sind ja der Meinung, dass Vanilleeis mit heißen Himbeeren ein langweiliger Nachtisch ist. Diesen Menschen muss ich hier nochmals mit aller Deutlichkeit widersprechen!
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